[14.08.98]
Als Kind wollte ich Kameramann werden. Ich zeichnete ein Fernsehstudio mit einer Kamera auf einem fahrbaren Gestell, hinter der ich stand und eine Sendung aufzeichnete. Welche Sendung das war, weiß ich nicht mehr.
Lokführer wollte ich auch mal werden. Überhaupt habe ich am Güterbahnhof in Crimmitschau oft rumgehangen. Aber wohl mehr, weil ich immer auf meinen Vater gewartet habe. Vermutlich hat meine Mutter mir erst ziemlich spät gesagt, daß er tot ist.
Wobei große Maschinen mich immer interessiert haben. Das war auch ein Grund, warum ich zur Armee als Panzertechniker gegangen bin. Gleichzeitig spüre ich schon sehr früh, daß ich nicht so wie andere bin, daß ich eher mehrere bin als einer. Ich hatte schon immer viel zu tun, alle im Zaum zu halten, weswegen ich sehr viel Zeit allein verbrachte. Es schien mir auch meist spannender, mit meiner "Familie" zu spielen. Das Zusammensein mit anderen decke immer nur einen Teil meines Inneren ab.
Als ich Ende 1990 arbeitslos wurde, war ich am tiefsten Punkt meines Lebens. Ich hatte die letzten Arbeitstag kam ausgehalten, ohne einen Schluck Bier. Im Heizwerk Werder (bei Potsdam) wurde um die paar Arbeitsplätze (von über 300 auf 50), die übrig bleiben sollten, mit Mitteln gekämpft, denen ich nicht standhielt.
Das erste Jahr Arbeitslosigkeit wollte ich nie wieder arbeiten. Dann fing ich an, Zeitungen auszutragen. Und irgendwann sagte ich mir, wenn du dich dein ganzes Leben lang schon, wenn auch eher notgedrungen, mit der menschlichen Seele beschäftigt hast, warum nutzt du das nicht, um Geld damit zu verdienen. Dann waren diese Belastungen und Schmerzen nicht umsonst.
Genau diese Motiv war mein Auslöser, mich für ein Studium der Psychologie zu bewerben: Wenn es mir gelingt, mit meinen zwangsläufig erworbenen Kenntnissen Geld zu verdienen, wird es mir wohl leichter fallen, die Schmerzen meiner Vergangenheit anzunehmen. Immerhin mußte ich mich mit all dem beschäftigen, um in Ordnung zu bringen, was meine Mutter (und später auch mein Stiefvater) in mir durcheinander gebracht hat. Und damit habe ich schon sehr früh angefangen. Die vielen Teile, die in mir schon so lange existieren, wie ich denken kann, sind nicht in mir gewesen, als ich zur Welt kam. Sie entstanden erst, als ich den vielfältigen und gegensätzlichen und mich überfordernden Ansprüchen meiner Mutter gerecht werden mußte, weil sie keinen anderen hatte, der ihre Wünsche hätte erfüllen können.
Durch meine Gesundung empfinde ich den Verlust an Zeit nicht mehr so schmerzlich, um ihn nur aushalten zu können durch das Geben von "Nützlichkeit": Siehe her, wenn das alles nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt nicht so gut! Und insofern hat dieses Motiv der Wahl meines derzeitigen Traumberufes (Psychotherapeut) an Kraft verloren. Es motiviert mich überhaupt nicht mehr, mich an das Studium und seine Schwierigkeiten heranzuwagen. Und wenn ich keinen anderen Beweggrund finde, werde ich das Studium wohl nicht zu Ende bringen.
[Anmerkung am 03.02.06: Das schrieb ich am 14.08.98, aber erst im November 2005 entschloß ich mich und setzte meinen Entschluß (im zweiten Anlauf) um, und hörte mit dem Studieren auf. Siehe Exmatrikulation.]
Geld? Nun ja, ich könnte noch vier Jahr Bafög bekommen ...
Verdienst? Ich habe schon mal soviel verdient, wie ein Diplompsychologie erhält, wenn er denn seinen Beruf ausüben darf ... So toll sind 3.000 DM nach Steuern nicht, vermutlich bekommt man das auch als Maurer, oder?
Überhaupt, Geld ... das was mich bis jetzt am glücklichsten gemacht hat, hat nicht viel gekostet. War eher keine Frage des Geldes.
Wie heute, als ich endlich den Mut fand, mir einzugestehen, daß es derzeit nur einen Traumberuf für mich gibt: mich weiter um mich selbst zu kümmern, um einen Ausgleich zu schaffen zu den vielen Jahren des Herumirrens, des Trinkens, des Selbstmißbrauches ...
[15.07.01]
Je gesünder ich werde, desto weniger muß ich mein Bemühen, gesund zu werden, vor mir selbst rechtfertigen, weil ich die Wichtigkeit spüre.
Außerdem werden Interessen in mir erwachen, die wenig oder nichts mit meinem Bemühen, gesund zu werden, zu tun haben.
Vermutlich wird sich das auch auf meinen Traumberuf auswirken, der zur Zeit immer noch ist: Viel Zeit für mich zu haben.
[15.11.05, di, 21:47]
Das ist immer noch mein Lieblingsberuf: Viel Zeit für mich zu haben!
Daß ich inzwischen wieder sehr gern fotografiere, ist kein Widerspruch.
[03.02.06, fr, 21:05]
Da ich nicht mehr so viel mit meiner Gesundung bzw. mit dem Studieren zu tun habe, hatte ich die Idee, einen Busschein zu machen und als Reisebus-Fahrer zu arbeiten.
Nicht in Vollzeit, sondern in Teilzeit, so daß ich zwischen den Reisen genügend Zeit habe, meine Erlebenisse zu verarbeiten und mein gewohntes, abgeschiedenes Leben zu führen.
Denn einen großen Traum habe ich mir noch nicht erfüllt: ein Buch zu schreiben.