[21.09.05, mi, 17:00]
(Urfassung im Tagebuch vom Freitag, 16.09.06.)
Neulich schrieb ich einen Text, nicht für meine Homepage bestimmt, sondern "offiziellen" Charakter.
Als ich "mußte" geschrieben hatte, dachte ich, oh, falsch geschrieben, und wollte auf "musste" verbessern.
Tja, obwohl ich mich seit Jahren für die Abschaffung der sogenannten "neuen" Rechtschreibung bzw. der Rücknahme der dümmsten Veränderungen einsetze (siehe Rechtschreibreform), dringt sie immer mehr in mein Unterbewußtsein ein und bestimmt mein Schreibgefühl.
Sogar soweit, daß ich mich schlecht fühle, wenn ich außerhalb meiner Homepage in "alter" Rechtschreibung schreibe, so als würde ich mich dem Besseren verschließen und ein knorriger Sturkopf sein.
Nun gut, dachte ich, wenn der Staat die "neue" Rechtschreibung nicht zurücknimmt bzw. auf wirkliche Reformen beschränkt, werden irgendwann alle nach den "neuen" Regeln schreiben, weil die anderen gestorben sind.
Außerdem ist es den meisten Menschen völlig egal, wie sie schreiben. Somit ist ein Einsetzen für die eine oder für die andere Schreibung irgendwie immer fast ein Einzelkampf.
Meine Kritik an Schreibungen gipfelt ja nicht in "daß" oder "dass", sondern richtet sich vielmehr gegen Formulierungen wie "Genmanipulationsarbeiten", "andauernder Entwicklungsprozeßvorgang" oder "Prozeßstatus", bei denen es egal ist, ob man sie nach der neuen oder alten Rechtschreibung schreibt - obwohl "Prozessstatus" noch ein Stück abgefahrener ist -, weil "Genmanipulation", "Entwicklung" oder "Status" das gleiche ausdrücken, auch den der Sprecher oder Schreiber sich wohl weniger gewichtig fühlt.
Also sagte ich mir, guck dir doch einfach noch mal in die neuen Rechtschreibregeln an, vielleicht sind sie so schlecht ja gar nicht.
Sätze wie
"An der neuen deutschen Rechtschreibung führt kein Weg mehr vorbei."
habe mich zwar abgestoßen, aber nicht abgehalten, mir die wichtigsten Regeln der neuen Rechtschreibung noch einmal zu beschäftigen.
Da las ich dann auch wieder die "eingedeutschte" Schreibung von "Ketchup", nämlich "Ketschup". Allerdings frage ich mich, wo die Eindeutung liegt, wenn man "Ketschap", also "u" wie "a", spricht.
Dann, das läßt sich ja nicht vermeiden, die "neue" ss-ß-Schreibung, zu der ich mich bereits geäußert habe (siehe u. a.: Die "neue" ss-ß-Schreibung muß zurückgenommen und das ß erhalten werden).
Dabei stört mich nicht so sehr, daß man amtlich jetzt "Stress" schreibt, aber "Stresssituation" muß nicht sein, da könnte man der besseren Lesbarkeit weiterhin "Streßsituation" schreiben.
Aber das wäre dann wohl ein zu komplizierte Regel.
Überhaupt habe ich wieder einmal festgestellt, daß die meisten Veränderungen zur "neuen" Rechtschreibung Regeln für "Rechtschreib-Dummies" sind. Für Menschen also, denen es meistens völlig egal ist, wie sie schreiben.
Klar, es ist einfacher "im Folgenden" zu schreiben, weil man auch "im Haus" schreibt, aber "im folgenden" meint zum Beispiel "im folgenden Text". Deshalb ist die Großschreibung falsch.
Klar, es ist einfacher "heute Abend" zu schreiben, weil man auch "Abend" schreibt, aber "heute abend" meint eben nicht "den heutigen Abend", sondern "heute abends".
Wenn schon Vereinfachung auf Kosten der Schreibdifferenzierung, dann doch richtig, also noch stärkere Freiheiten in der Rechtschreibung:
- "das ist war" - jeder weiß doch, daß diese "war" von "Wahrheit" kommt und eigentlich "wahr" geschrieben werden müßte.
- "ich weis, das ich müste" - ich wette, nicht nur beim Hören dieses Satzes, sondern auch beim Lesen weiß jeder, daß "ich weiß, daß ich müßte" gemeint ist.
Selbstverständlich braucht die deutsche Schriftsprache dann auch keine Großschreibung, zumal man nach den "neuen" Regeln ohne ausgewiesenen Bedeutungsunterschied zum Beispiel "Tut mir Leid" oder "Tut mir leid" und "im allgemeinen" oder "im Allgemeinen" schreiben kann.
Außerdem brauchte man ja auch Worte gar nicht mehr zusammen zu schreiben. Dann würde aus "Stresssituation" die zwei kleingeschriebenen Worte "stress" und "situation" bzw "stres" und "situation".
Bei richtiger Liberalisierung der deutschen Rechtschreibung wäre dann auch ein Satz wie "ich weis, das ich mich in einer stres situation befinden müste" richtig geschrieben.
[19.01.06, mi, 13:20]
Vorgestern dachte ich wieder einmal: Was solls, "alle" schreiben jetzt nach der "neuen" Rechtschreibung - da kannst du es ja auch tun.
Also beschäftigte ich mich noch einmal mit den neuen Regeln.
§ 42 - Bilden Verbindungen aus Ziffern und Suffixen den vorderen Teil einer Zusammensetzung, so setzt man nach dem Suffix einen Bindestrich.
Damit hatte ich kein Problem - bis ich die Beispiele las:
ein 100stel-Millimeter, in den 80er-Jahren
wird in einer Reihe mit
die 61er-Bildröhre, eine 25er-Gruppe
genannt.
Für mich sind die ersten beiden Beispiele "Zahl" und "Maßeinheit", die selbstverständlich zusammen gehören, aber deshalb doch nicht mit einem Bindstrich verbunden werden.
Nach der Logik müßte man auch "gib mir 12-Euro" schreiben, weil "12" und "Euro" zusammen gehören und sich deutlich von "12 Nägeln" unterscheiden.
Anders sehe ich das bei "die 61er-Bildröhre", weil "Bildröhre" keine Maßeinheit, sondern ein Gegenstand ist.
Bei "eine 25er-Gruppe" zweifle ich. Zusammenschreiben würde ich "die 25er-Gruppe", auseinander aber eher "eine 25er Gruppe", weil ich "eine Gruppe" eher als "Maßeinheit" ansehe, während "die Gruppe" für mich ein Begriff ist.
Wobei ich dann aber "zwei 25er-Gruppen" schreiben würde.
Na ja, kommt vielleicht ganz darauf an, was man sagen will.
Als ich "in den 80er-Jahren" las, dachte ich: das ist wieder ein nettes Beispiel für die Dummschreibung - das werde ich auf keinen Fall mitmachen!
Und als ich dann noch auf die Seite "Deutschland kehrt zurück" (siehe Verweise) gestossen bin, habe ich wieder Mut gefaßt, weiterhin nicht in der "reformierten" Rechtschreibung zu schreiben.