[Ursprünglich im Tagebuch vom 22. Mai 2008.]
[23.11.2012, fr, 12:55]
Ich begann die Geschichte im April 1989, also rund ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer, nannte sie "Die Fahrt zur Endstation".
Am 21. April 1989 schrieb ich:
Während des Festgehaltenwerdens wachsen Boris [Ich-Erzähler] sichtbar schnell die Nägel. Er beißt sie kurz, macht es ungeschehen. [...]
Dem K-Beamten fällt Boris dankend um den Hals, als der ihn endlich gehen läßt. [...]
Im Zug sitzt Boris rauchend im Abteil für Nichtraucher, uriniert auf das mit seinen Nägeln aufgeschlitzte Polster. Im dunklen Fenster gewahrt er, eine andere Haarfarbe zu haben. Er hält ein Büschel vor die Augen, kann jedoch nichts erkennen. Er reißt es heraus, was nicht schmerzt, obwohl er feuchte Wärme an der Schläfe spürt. Die Haare sind grau. [...]
In der Residenzstadt [Potsdam] angekommen, schlägt er stahlfest die Stiefel auf den Bahnsteig. Seine Haare stellen sich auf. Das Weiß der Jacke färbt sich schwarz, wird hart wie Leber und von Ketten geziert. Boris marschiert auf einen Angestellten für Sicherheit und Zuversicht [Transportpolizei] zu, dem Angst das Gesicht zeichnet, während Boris im Takt seiner Schritte knirscht: Jetzt bist du dran, jetzt bist du dran.
Plötzlich fallen Boris' Haare, seine Jacke wird weich, die Stiefel biegsame Schuhe. Mit warmer Stimme fragt er den Angestellten, ob in dieser nächtlichen Frühe eine Straßenbahn in die Stadt fahre. Der Angestellte lächelt verwundert, unsicher, öffnet dann die Kartentasche, um im Fahrplan des städtischen Nahverkehrs nachzusehen, wobei er Boris immer wieder prüfend anblickt. Als der Angestellte für Sicherheit und Zuversicht zuversichtlich in Boris' Augen sieht, um ihm die Abfahrt der nächste Straßenbahn zu nennen, sticht Boris seine langen festen Nägel in dessen Halsschlagadern. Blut pulsiert, fließt Boris' Hände entlang auf die Ärmel seiner Jacke. Der Angestellte wird bewußtlos, öffnet Boris die Hände. Der Angestellte fällt auf den Bahnsteig, sein Kopf hängt über den Gleisen. Boris steigt auf den leblosen Oberkörper, tritt gegen die blasse Stirn; mit einem Knack verabschiedet sich der Angestellte für Sicherheit und Zuversicht.
Boris bückt sich, um sich an der Uniform die Hände zu säubern, aber das Blut löst sich nicht, verschmiert nicht einmal. Boris geht den Bahnsteig entlang, vorbei an der Aufsicht. Durch das Fenster sieht er den Partner des Beamten kippelnd auf einem Stuhl sitzen, mit der Aufsucht flirten. Boris lächelt ihm zu.
Am Ende des Bahnsteiges steigt Boris auf die Gleise hinab, um auf den Schwellen halt und einen Weg zu finden. Mit mittlere Geschwindigkeit kommt ein Zug entgegen. Es wird reichen, denkt Boris. Hundert Meter vor ihm weicht der Zug aus, schwenkt auf ein paralleles Gleis. Boris winkelt die Arme an. Er läuft, läuft immer schneller. Es dauert ihm zu lange. Alles dauert ihm zu lange.
So würde ich heute nicht mehr schreiben. Meine Gefühle sind andere. Außerdem darf ich uneingeschränkt über das Thema schreiben, weil es den Staat nicht mehr gibt.
Vermutlich würde ich heute auch weniger angeben.
[16:20]
Im Grunde interessiert mich das Erlebnis nicht mehr. Zumal ich Glück hatte: Hätte ich Pech gehabt, wäre ich wegen Republikflucht inhaftiert worden.