Cormac McCarthy "Verlorene" ("Suttree")

Leseprobe

Rowohlt-Taschenbuch, 5. Auflage, November 2008


Auswahl:


[Seite 7]

Lieber Freund, jetzt in den staubigen zeitlosen Stunden der Stadt, wo die Straßen schwarz daliegen und im Kielwasser der Sprengwagen dampfen, jetzt, wo die Betrunkenen und Obdachlosen in den Gassen oder auf verlassenen Grundstücken im Schutz der Mauern gestrandet sind und Katzen hochschultrig und mager durch trostloses Gelände streunen, jetzt inmitten dieser rußschwarzen Ziegel und kopfsteinigen Durchgänge, wo die Schatten der Leitungsdrähten die Kellertüren in schauerliche Harfen verwandeln, wird keine Seele gehen außer dir.

Altes Mauergestein, unbeleckt vom Wetter, in seinen Schründen geborgen fossiles Gebein, Kalksteinkäfer zerdrückt auf dem Grund dieses einstigen Binnenmeers. Dürre dunkle Bäume hinter Schmiedeeisen, dort, wo die Toten ihre eigene kleine Hauptstadt haben. Seltsame Marmorgebilde, Stele und Obelisk und Kreuz und kleine regenverwaschene Steine, wo Namen mit den Jahren verblassen. Erde, gefüllt mit Proben des Sargtischlergewerbes, staubigem Gebein und vermoderter Seide, das Sterbekleid befleckt von Verwesung. Draußen unter dem brauen Lampenlicht laufen die Straßenbahnschienen weiter in die Dunkelheit, gebogen wie Hahnenfüße im unechten Dämmer. Der Stahl strahlt die Tageshitze ab, man spürt sie durch die Schuhsohlen. Hinter den Wellblechwänden von Lagerhallen entlang, an schmalen sandigen Straßen, wo ausgeschlachtete Autos auf Hohlblocksockeln vor sich hin dämmern. Durch ein Labyrinth von Sumachgewächsen, Kermesstauden und verwelktem Geißblatt, das zu den gewellten Lehmdämmen der Eisenbahn führt. Graue Weinranken, linksdrehend in der nördlichen Hemisphäre, was sie windet, formt auch die Schale der Meeresmuschel, Unkraut, aus Schlacke und Ziegelstein sprießend. Ein Löffelbagger, in einsamer Verlassenheit zum Nachthimmel ragend. Hier hinüber. An Gleiskreuzungen und Schienenlaschen entlang, wo Lokomotiven im Dunkel des Rangierbahnhofes wie Löwen fauchen. Einer dunkleren Stadt zu, vorbei an blindgesteinigten Lampen, an rauchenden windschiefen Hütten, Porzellanhunden und bemalten Reifen, wo schmutzige Blumen wachsen. Über das Straßenpflaster, rissig vom Verfall, schleichende Katastrophe der Vernachlässigung, die Drähte, die sich von Mast zu Mast bauchen, behängt mit Drachenschnüren, mit Rafflesiablütten aus aneinandergebundenen Flaschen oder dem Spielzeug von Kleinkindern. Lager der Verdammten. Gelände vielleicht, wo schleimende Aussätzige ohne Glöckchen umherstreifen. Über der Hitze und der unwirklichen Skyline der Stadt hat sich ein Messingmond erhoben, und die Wolken zerlaufen vor ihm wie wäßrige Tinte. Die an die Nacht stoßenden Gebäude gleichen einem Wall gegen eine entlegenere Welt, verlassen und sinnentleert. Landbewohner kommen meilenweit mit erdverklebten Schuhen und hockten den ganzen Tag wie stumme Statisten auf dem Marktplatz. Die Stadt, nach keiner bekannten Vorlage konstruiert, ein Architekturbastard, der einen knappen Rückblick auf die bizarren und verrückten Abwegen menschlichen Bauens bietet. Ein auf der Flußebene errichteter Karneval der Formen, der über Meilen hinweg der Erde den Saft entzogen hat.

Farbrikmauern aus altem dunklem Backstein, mit Unkraut bewachsene Schienen eines Nebengleises, ein faulig bläulicher Wasserkanal, wo dunkle Schlieren namenlosen Abfalls in der Strömung schaukeln. Blechplatten zwischen dem Glas in den rostigen Fensterrahmen. Im Leuchtkörper der Straßenlaterne, dort, wo ein Stein ihn getroffen hat, klafft ein mondförmiger Riß, und aus dieser Öffnung treibt, durch die ununterbrochene Spirale emporstrebender Insekten hindurch, ein feines und stetiger Regen der gleichen Wesen, verbrannt und leblos.

Hier an der Bachmündung reichen die Felder bis an den Fluß, ein Schlammdelta, dessen schwerer Boden angeschwemmtes Gebein und Schreckensmüll freigibt, ein Chaos aus Lattenholz, Kondomen und Obstschalen. Alte Dosen, Gläser und kaputte Haushaltsgeräte, die sich aus dem kotigen Morast der Schwemmlands erheben wie Grenzmarken in den weglosen Tälern der Dementia praecox. Eine Welt jenseits aller Phantasie, feindselig, greifbar und losgelöst, durchgebrannte Glühlampen, die halb durchscheinend und schädelfarben wie gekappte Polypen, blind stromabwärts trudeln, schillernde Ölaugen und dann und wann die stinkenden Schemen gestrandeter menschlicher Föten, gedunsen wie junge Vögel, mondäugig und bläulich oder stahlgrau. Dahinter in der Dunkelheit strömt der Fluß als faulige Brühe südlichen Meeren zu, vorbei an regenplatten Mais, magerem Getreide und Flußlehmgärten von Pächtern aus dem Hinterland, mahlend wie Knochenstaub, beladen mit der Vergangenheit, irgendwie im Wasser gelösten Träumen, niemals verloren. Hausboote wiegen sich an ihren Tauen. Der niedrige Uferschlamm liegt gerippt und glitschig da wie die poröse Schwarte eines tief eingesunkenen Tieres, und dahinter wellt sich die Landschaft dem Süden und den Bergen entgegen. Wo Jäger und Holzfäller einst neben der verglimmenden Glut ihrer tausend Feuer in den Stiefeln schliefen und dann weiterzogen, alte teutonische Vorfahren, die Augen glühend vom visionären Licht einer heftigen Habgier, Welle auf Welle von Gewalttätern und Verrückten, die Gehirne vollgestopft mit spurlosen Analogien all dessen, was war, hagere Arier mit ihrem ausrangierten semitischen Volksbuch, die Dramen und Gleichnisse darin neuinszenierend, besinnungslos und bleich von einer Sehnsucht, die allein durch die völlige Wiederherstellung des Dunkels zu stillen war.

Wir sind in eine Welt innerhalb der Welt gelangt. In diesen fremden Territorien, diesen feindseligen Kloaken und öden Zwischenreichen, die der Gerechten vom Waggon oder Auto aus sieht, träumt ein anderes Leben. Verwachsen oder schwarz oder gestört, jede Ordnung fliehend, Fremde im Jedermannsland.

Die Nacht ist ruhig. Wie ein Heerlager vor der Schlacht. Die Stadt belagert von einem Unbekannten, wird er aus dem Wald oder aus dem Meer kommen? Die Mauerwächter haben die Schanze befestigt, die Tore sind geschlossen, doch siehe, der Unbekannte ist schon drinnen, ahnt man seine Gestalt? Wo er sich verbirgt oder wie viele Gesichter er hat? Ist er ein Weber, der mit blutigem Schiffchen durch ein Kettfach der Zeit fährt, ein Kämmer von Seelen aus dem Florband der Welt? Oder ein Jäger mit Hunden? Oder ziehen beinerne Pferde seinen Totenkarren die Straßen entlang? Und nennt er jedem sein Gewerbe? Lieber Freund, man darf sich nicht lange mit ihm befassen, denn eben dadurch lockt man ihn vorbei.

Der Rest ist wahrhaft Schweigen. Er hat angefangen zu regnen. Leichter Sommerregen, man sieht ihn schräg fallen in den Lichtern der Stadt. Der Fluß liegt in einem Gral der Ruhe. Hier von der Brücke aus erscheint die darunterliegende Welt wie ein Geschenk der Einfachheit. Sonderbar, nichts weiter. Dort unten, in Grotten aus Licht, huscht eine Katze von Stein zu Stein, über die feuchtschwarzen, dicht an dich gepackten Kopfsteine auf der regendunklen Straße hinweg, bis schließlich Katze und Katzenschatten im rissigen Mauerwerk dahinten verschwinden. Schwaches sommerliches Wetterleuchten weit flußabwärts. Ein Vorhang hebt sich über der westlichen Welt. Ein feiner Regen aus Ruß, toten Käfern, anonymen Knöchelchen. Das Publikum sitzt eingewoben im Staub. In den geleerten Schädelhöhlen des Gegenübers schläft eine Spinne, und die zerstörte Gliederpuppe des gehenkten Hanswurstes baumelt an den Soffitten, Knochenpendel im Narrenkleid. Vierfüßige Gestalten bewegen sich auf den Brettern hin und her. Gröbere Formen überleben.


[Seite 11]

Spähende Blicke hinunter zum Wasser, wo die Morgensonne Lichträder formte, fächerig angeordnete Krönchen, die jeden Zweig, jedes Sedimentkorn in sich eingeschlossen, lange Splitter und Klingen aus Licht im staubigen Wasser, darüber hinhuschend wie Sekunden­blitze, in denen Sonnenstäubchen rieselten und flirrten. Eine Hand gleitet über das Dollbord; er liegt quer im Skiff, die Spitze eines Turnschuhs läßt, wenn es leicht schaukelt, im Fluß ein Kräuseln entstehen, das Boot treibt unter der Brücke flußab, langsam an den schmutzigen Pfeilern vorbei. Unter den hohen kühlen Bögen und dunklen Nischen hindurch, wo Tauben plappern und ihr hohles Flügelschlagen als rauschender Beifall ertörnt. Kurze Blicke hinauf zu diesen Gewölben mit den fossilen Knorren und psychomorphen Nagelköpfen im grauen Beton, das Boot treibt weiter, der schräge Schatten der Brücke neigt sich über die Breite des Flusses, ein illusionäres Kopfüber wie bei alten, auf Fotoplatten verewigten Rennfahrern, deren Geschwindigkeit die Räder zu Ellipsen formt. Die Schatten legen sich über das Skiff, schmiegen sich der hingestreckten Gestalt an und wandern weiter.

Den Unterkiefer in die Armbeuge gebettet, beobachtet er müßig Oberflächenphänomene, leise zuckende Schmutzschlieren, graue Klumpen namenlosen Urrats und gelbe Kondome, die langsam aus dem Trüben herandümpelten wie ein riesenhafter Egel oder Bandwurm. Das Gesicht des Beobachters schwamm neben dem Boot, ein im Schaum waberndes Antlitz in Sepia mit flatternden Augen, eine wäßrige Fratze. Ein träge gekräuselter Saum auf der Flußoberfläche, als hätte sich etwas Unsichtbares in den Tiefen gerührt und als seien kleine Gasblasen zu öligen Spektren zerplatzt.

Unter der Brücke richtet er sich vorsichtig auf, ergriff die Riemen und begann in Richtung südliches Ufer zu rudern. Dort wendete er das Skiff, steuerte das Heck in eine Weidengruppe, ging nach achtern und zog eine schwere Leine hoch, die von einem im Uferschlick steckenden Eisenrohr ins Wasser lief. Er führte die Leine durch eine am Heckbalken montierte freie Dolle. Dann setzte er das Boot, langsam rudernd, wieder in Bewegung, die Leine kam naß und glatt durch die Dolle nach oben und sank wieder zurück in den Fluß. Als er ungefähr zehn Meter vom Ufer entfernt war, tauchten die ersten Köderfliegen auf und winkelten die Leine, bis er sie aufnahm und den Köder losmachte. So ging es weiter, das Skiff drehte sich leicht gegen die Strömung, die Haken rutschten hintereinander nach oben in die Dolle, behängt mit ausgelaugten Fleischfetzen. Als er das Gewicht des ersten Fisches spürte, legte er die tropfenden Ruder ein, hielt die Leine fest und zog sie heran. Ein großer Karpfen durchbrach das Wasser, eine mattbronzen glänzende Flanke mit rauhen Schuppen. Er stützte sich mit dem Knie ab, hob den Fisch ins Boot, kappte die Schnur, befestigte einen frischen Haken mit Fleischköder, warf ihn seitlich über Bord und holte, mit nur einem Riemen rudernd, die Leinen weiter rein, während sich der Karpfen heftig auf den Planken wand.

Als er die Angelschnur vollständig abgefahren hatte, war er auf der anderen Seite des Flusses. Er beköderte den letzten Haken neu, ließ die schwere Leine los und beobachtete, wie sie ins trübe Wasser sank, durch eine flirrende Wolke von Sonnenstäubchen, eine gebrochene Korona, aus der einen Moment lang der letzte Brocken ranzigem Fleisches aufglitzerte. Die Riemen einholend, streckte er sich wieder auf der Runderbank aus und nahm ein Sonnenbad. Das Skiff trieb in der Strömung und schaukelte sacht.


[Seite 133]

Harrogate marschierte weiter, die Gleise entlang, unter die alte Stahlbrücke, aus dem Schatten des Steilufers heraus, dann an einem Holzlager und einem Schlachthof vorbei. Üppige Düfte nach Kiefernharz und Dung. Das Nebengleis endete mitten im Gelände; er ging über einen Acker, in der Ferne die Umrisse einer schäbigen Hüttensiedlung, und durchquerte ein unkrautbewuchertes, an einer Hügelflanke gestrandetes Meer von Autowracks. Er kam auf einer schmalen Landstraße hinaus und stieß nach einer Weile auf ein Tor aus einem alten eisernen Bettgestell, das ganz mit staubiger Trichterwinde überwachsen war und an dem Kolibris hingen wie Windspiele an Schnüren. Ein Mann in einem schmierigen Overall lag im Hof, den Kopf auf einen Autoreifen gestützt.

Hey, sagte Harrogate

Der Mann fuhr hoch und sah sich um.

Ich suche nach Suttree.

Wir ha'm zu, sagte der Mann. Er stand auf und ging durch den Hof zu einem Schuppen aus Teerpappe, der über und über mit den unterschiedlichsten Radkappen bedeckt war. An der Wand stapelten sich Stoßstangen, und aus einem Hahn tropfte Wasser in die untere Hälfte eines aufgeschweißten Benzintanks. Dahinter kauerten ausgeschlachtete Autos im dichten und dampfenden Laub; überall in dieser saftigen Einöde blühten Blumen und Sträucher.

Schau dich ruhig um, wennde willst, rief der Mann. Aber mich läßte in Frieden. Und klau ja nix. Er verschwand im Schuppen; Harrogate drückte das Tor auf und ging hinein. Das Tor war mit einer Kette aus Kleinteilen beschwert und schwang sacht hinter ihm zu. In der Luft lag satter Humusduft, und Harrogate konnte die Pflanzen riechen. Glockenblumen und wilder Stechapfel mit hellen seltsamen Trichtern zwischen den Trümmern. Hoch aufgesprossene Rosenstöcke, übersät mit welkenden, bei Berührung zusammenfallenden Blüten. Lavendelfarbener und rosaroter Phlox an einer schiefen Hohlziegelmauer; Weiderich und Akelei zwischen den im Gras verstreuten eisernen Innereien von Autos. Harrogate ging hinüber zum Schuppen und lugte durch die offene Tür. Der Mann lag ausgestreckt auf einem Wagensitz.

Hey, sagte Harrogate.

Der Mann hob den Arm vom Gesicht. In Heilandsnamen, was willste denn? sagte er.

Harrogate spähte durch den Dämmer der kleinen, mit dem Bergungsgut von Verkehrsunfällen vollgestopften Hütte. Aus dem Autoradio auf dem Fußboden drang leise Country-Music. Reifen ragten in schwarzen, dicht an dicht stehenden Säulen empor, und überall lagen Batterien, aus denen trockener weißer Schaum herauseiterte.

Ich suche den alten Suttree, sagte Harrogate.

Der'ss nich da.

Und was mein' Se, wo ich'n finden kann?

In Netz City.

Wo iss'n das?

An'm Spinnenarsch.

Der Schrotthändler legte wieder den Arm über die Augen. Harrogate musterte ihn. Es war unglaublich heiß in dem Schuppen, und es roch nach Teer. Er begutachtete die exotische Kollektion von Autoteilen. Sind Sie Schrotthändler? sagte er.

Brauchste was?

Nee.

Haste was zu verkaufen?

Hab nix.

Na, irgendwie müssen wir doch ins Geschäft kommen.

Ich hab gedacht, Sie ha'm zu?

Jetz nicht mehr. Haste vielleicht 'n paar geklaute Radkppen?

Nee.

Na sag schon, wo sin'se?

Ich hab keine. Komm grad frisch aus'm Arbeitshaus; hab nämlich Wassermelonen geklaut.

Wassermelonen kann ich nich brauchen.

Harrogate wechselte das Standbein. Kein Knittern in seine Kleidung. Wohnen Sie hier? sagte er.

Mmm.

Sauber. So'ne Bude'ss doch bestimmt für'n Appel und'n Ei zu kriegen, oder nicht?

Die Zehen des Mannes zeigten zur Decke; er spreizte sie kurz, um seine Gleichgültigkeit zu demonstrieren.

Jungejunge, wenn ich doch bloß auch sowas hätte.

Der Mann lag da.

Hey, sagte Horrogate.

Der Mann drehte sich ächzend zur Seite, langte unter den Wagensitz und zog ein Literglas mit ungefärbtem Whiskey hervor; dann richtete er sich auf, gerade so weit, um sich einen Schluck in die Kehle kippen zu können. Harrogate sah zu. Der Mann klappte den Bügelverschluß flink wieder zu und sank, das halbvolle Glas an die Rippen gelehnt, schweigend in seine Ruhelage zurück.

Hey, sagte Horrogate.

Der Mann öffnete ein Auge. Mannometer, sagte er, was'n los mit dir?

Nix. Mir geht's gut.

Suchste Arbeit?

Und was?

Und was, und was, sagte der Mann zur Decke.

Was für'ne Arbeit?

Der Mann setzte sich auf, das Glas in den Arm gebettet, und schwang die Füße auf den Lehmboden. Er schüttelte den schwitzigen Kopf. Nach einer Weile sah er hoch zu Harrogate. Ich kann meine Zeit nicht mit Leuten verplempern, wo sich zu schad zum Arbeiten sind, sagte er.

Ich will ja arbeiten.

Okay. Siehste da draußen den achtundvierziger Ford? Das Kabrio mit der Delle?

Seh nix. Sind so viele.

Der eine iss noch wie neu. Ich brauch die Polsterung, ehse hinüber iss. Außerdem Sitze, Bodenteppiche, Türverkleidung. Und ich will alles gereinigt haben.

Was zahl'n Se?

Wieviel willst'n?

Harrogate sah zu Boden. Schwarzer Feilstaub, durchsetzt mit kleinen Spänen, ein schmieriges Mosaik. Zwei Dollar, sagte er.

Einen.

Anderthalb.

Abgemacht.


[Seite 169]

Am Sonntag fuhr er in der Vormittagswärme flußabwärts, mal rudernd, mal mit der Strömung treibend. Seine Leinen ließ er unbeachtet. Er zog unter der Brücke hindurch und steuerte das Boot direkt an den Klippenschatten entlang, das Tropfen der Ruder im dunklen Strom wie Steine in einem Brunnen. Er passierte die letzte Brücke, dann die Flußschleife, vorbei an friedlichem Ackerland, an hohen, schräg auf den Hängen liegenden Feldern, an saftiger umgepflügter Erde auf gewellten schwarzen Parzellen zwischen grünenden Fluren und kleinen bestellten Obstgärten, wie Bilderbuchszenen von reicher Fülle, jäh über die ihm so vertraute Wildnis gebreitet, der Fluß wie ein aus der Stadt wogendes riesiger Saugwurm, eine schwere giftige Flut längs der prächtigen Anwesen am Nordufer. Von Zeit zu Zeit stürzte er sich auf die Riemen und beachtete von dieser späten Warte aus die alten Szenerien der Kindheit, Gärten, die er kannte oder einmal gekannt hatte.

Er wählte die Biegung um den oberen Teil der Insel, schmales Gewässer, das einst die kleine Mühle des alten Holländers angetrieben hatte und nun ihre moosbewachsenen Reste bedeckte, Betonpfeiler, Lagerböcke und rostige Radachsen. Suttree hielt sich im seichten Wasser. Schlick ebbte und versank zwischen den Schilfrohren; kleine Schwärme von messingfarbenen Alsen zuckten gehetzt ins Dunkle. Er lehnte sich auf die tropfenden Ruder und begutachtete den Uferfarn. Kleine scheckige Schildkröten kippten, wie abgezählte Münzen, nacheinander von einem Baumstamm ins Wasser.

Eines Sommers begleitete das in ihm verschüttete Kind hier einen alten Schildkrötenjäger, der katzengleich durchs Gras schlich und mit der Linken zu größter Behutsamkeit mahnte. Plötzlich zielte er, zuerst mit dem Finger, dann mit dem Gewehr aus Eisen und Apfelbaumholz. Es brüllte über den Fluß, und das Echo trieb in einer grauen Schwade aus Schwefel und Koksstaub heran. Die Kugel fetzte ins Wasser, kam wieder hervor und riß den Schildkröten in einer Wolke aus Hirnbrei und Knochelmehl fort.

Die runzlige kahle Haut baumelte am Hals wie eine zerrissene Socke. Er hob das Tier am Schwanz in die Höhe und legte es auf den Uferschlick. Hinten aus dem kompakten Schild hing grüner Schwamm. Stumpfe und faltige Traumkreatur, sickerndes dunkles Blut.

Gehn die auch mal unter?

Aus einem vergilbten Horn lud der Schildkrötenjäger seine Büchse und schob eine frische Kugel in den Lauf. Dann setzte er ein neues Zündhütchen auf und bettete das Gewehr in die Armbeuge.

Manchmal ja, manchmal nein. Still jetzt, gleich kommt wieder eine.

Was machst du denn mit denen?

Ich verkaufse. Wird Suppe oder sonstwas draus. Der Junge beobachtete die loblose Flußoberfläche. Schildkröte mit Knöcheln zum Beispiel. Eine hat sieben Fleischsorten.

Was fressen Schildkröten überhaupt?

Deine Fußzehen, wennde beim Wassertreten nich aufpaßt. Siehste da drüben?

Wo?

Dort bei den Weiden.

Da hinten?

Behalt ma' dein' Finger bei dir, sonst verjagstse mir noch.

Du hast doch auch mit dem Finger gezeigt.

Da hatse grad die Augen zugehabt. Ruhig jetzt.

Er öffnete die Augen. Rotdrosseln flogen schwach schreiend aus einer Schilflaube auf. Er beugte sich wieder über die Ruder und trieb durch die Enge in den Hauptkanal; das Skiff legte einen zähflüssigen Sog in die Strömung, und der Zug der Riemen versackte in trägen Kringeln. Um sich der Flußkrümmung anzupassen, steuerte er aufs Südufer zu und kam durch die Schattenlinien in kühleren Wind. Nackte Kalkklippen ragten schartig und pfahlartig empor, durchbogen von Höhlen, aus denen kleine gabelschwänzige Vögel in einen blau und staublos zur Sonne sich streckenden Himmel stiegen.

Hier unten wurde der Fluß breiter und begann sich zu stauen. Sandbänke mit Löchern und Dellen, wie die Schwarten von großen Leberegeln; eine Kolonie von Baumstümpfen, grau in der Sonne trocknend wie gestrandete Tintenfische. Ein kahles Salband, durchzogen von Krähen, die in ruhigem Gleitflug, flimmernd und schwimmend wie schwarze Glasvögel, die Reste von gestrandetem Aas ansteuern. Suttree legte die Riemen ein und ließ sich ans Ufer treiben. Als der Bug seines Skiffs den Schlamm hinaufknirschte, stand er auf und verlor dabei kurz die Balance; dann schritt er mit der Leine gelassen an Land und macht das Boot mit einem Halbstek an einer Wurzel fest. Er ging durchs hohe Gras und stieg, sich an den frischen Halmen festhaltend, die Böschung hinauf; auf der Kuppe angelangt, drehte er sich um und sah hinunter zum Fluß und zur dahinterliegenden Stadt, ließ den erfahrenen Blick über diese vielgestaltige Welt schweifen, über das abgeteilte Ackerland, über die Häuser, über die sonderbar stufenförmige kleine Metropole vor den grünen und blühenden Hügeln, über die flache Flußschleife, einer gewundenen Furche ähnlich, gefüllt mit trüber Schlacke, außer dort, wo der Wind die Oberfläche kräuselte und das Wasser hell in der Sonne glitzerte. Er marschierte über den Klippenkamm durch windiges Riedgras, vor ihm flatterten kleine Vögel und hingen mit angelegten Flügeln über der Leere. Ein Spielzeugtraktor zog in einer Staubfahne durch den Acker. Da unten die Insel, von Schlamm umringt. Drehte sich um, winkte verloren. Er stieg eine tiefe Grasmulde herab und ging weiter, durch dorniges Brombeergeflecht, dann über die Hügelflanke hinter dem Kap, besetzt von der alten Villa, einer großen herrschaftlichen Ruine, die abgeblättert, ausgeweidet und modrig in einen Baumdickicht über dem Fluß stand und mit ihren kahlen eingeworfenen Fenstern über der vorbeiziehenden Welt brütete.

Suttree ging durch die wellige Landschaft über dem Fluß. Zwei Seemöwen zogen ihre fahlen Schemen durch die schattige Stille unter der Klippe; weit flußab sah er einen Fischadler sehr hoch aufsteigen und dann über den fernen Sturmwolken schweben, der Sonnenreflex auf Flügel und Rumpf ein reines Weiß. Er hatte sie schon die Schwingen anlegen und wie Steine herabstürzen sehen; nun blieb er stehen und beobachtete den Vogel, bis er nicht mehr zu sehen war.

Der Pfad wand sich an den Hügeln entlang durch Gras, Dornengesträuch und furchiges Land zu den tiefergelegenen Uferbereichen. Dann knickte er in eine lange Schieferbank ein und verlief anschließend durch eine Waldung. Wieder am Fluß, stieß Suttree auf kleine Buchten und Sumpfmulden mit totem Stauwasser, wo Schleim und Schaum die schemenhaft dahintreibenden Gläser und Flaschen bedeckten und wo Glühbirnen zwischen dem träge dümpelnden Treibgut hervorlugten wie leere Augen. Er ging den schmalen Pfad entlang, vorbei an Anglern, alten Frauen, Männern und Jungen. Verzinkte Elritzeneimer waren an Baumstümpfen befestigt, im Schatten standen Picknickkörbe. Ein kleines Mädchen hockte mit hochgeschobenem Rock da und beobachtete zwischen verspritzten Schienenbeinen, wie ihr Wasser über den festgetretenen Lehm rann. Als Suttree vorüberging, nickten ihm alte Männer feierlich zu. Tag. Hallo. Läuft's gut?

Er kam über einen Strand voller Schlamm und verkrusteter Steine, übersät mit Spinnengefitzen aus dünnen Nylonschnüren, verhedderten Haken, ausgetrockneten Köderfischen und kleinen, zwischen Steinen zermalmten Knochen. Mit den Fußspitzen stieß er Blechdosen aus ihrem Lehmbetten; die Larven darin bebten zurück und bogen sich stumm unter der Qual der Sonne. Der Pfad führte längs einer purpurnen Sandsteinwand hinauf über eine Bucht; unten in den sonnenbeschienen Untiefen konnte Suttree die langen gepanzerten Leiber von Hornhechten erkennen, wie sie in einer Art elektrischer Stille zwischen den Schilfrohren standen. Vogelschatten huschten vorüber, brachten sie aber nicht aus der Ruhe. Suttree lehnte sich an einen bröckligen Stein und beobachtete sie. Einer der Hechte drehte langsam bei, das Wasser zwischen den Weiden schlingerte und schwappte. Seine matte Flanke reflektierte das Licht wie geschmolzenes Messing. Die übrigen drei lagen da wie Hunde und wärmten sich in der Sonne, plumpe Formen von primitiver Raubgier. Suttree marschierte weiter. An der Spitze der Bucht lag eine stumpfnasige und aufgeblähte Hakennatter eingerollte und schlafend in den trockenen Trümmern eines Skiff.

Der Pfad führte zu einem Anlegeplatz; ein Bus der Baptistengemeinde parkte dort, und Leute platschten in voller Kleidung im Wasser herum. Suttree stieg die grasige Böschung zu den Zuschauern hinunter und setzte sich hin. Ein Prediger in Hemdsärmeln stand bis zur Taille im Wasser und hielt ein junges Mädchen an der Nase fest. Er beendete seine Psalmodie, bog das Mädchen rückwärts in den Fluß, ließ sie einen Moment lang in dieser Stellung und zog sie wieder hoch; sie triefte am ganzen Körper und wischte sich verlegen das Naß von den Augen. Der Prediger grinste. Suttree rückte näher, um besser sehen zu können. Ein alter Mann nickte ihm zu.

Tag.

Tag.

Das Mädchen war nackt unter dem dünnen Kleid, das feucht und lasziv an den kühlen Nippeln, an Bauch und Schenkel klebte.

Bist du erleuchtet? sagte der Alte.

Suttree sah ihn an, und der Alte erwiderte den Blick mit verschleierten, glanzlosen Augen.

Nein, sagte Suttree.

Der Alte hatte ein Gefäß mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit im Schoß; er schraubte es auf, spukte hinein, drehte wieder den Deckel darauf und wischte sich den Mund ab. Wirklich nicht? sagte er.

Nein, sagte Suttree. Er beobachtete das aus dem Fluß steigende Mädchen.

Der Alte stieß seinen Hintermann an. Hier'ss einer noch nich erleuchtet. Sagt er jedenfalls.

Der zweite Alte lugte über die Schulter des ersten zu Suttree.

Der da?

Genau.

Bist du getauft?

Na, biste?

Bloß auf dem Kopf.

Bloß auf'm Kopf, sagte er.

Das nützt aber nichts. Nur richtiges Untertauchen bringt was. Das bißchen Besprengen ist sinnlos, mein Junge.

Der erste gab Suttree einen Stups. Da hat er recht, sagte er. Der'ss näm'ich selber Laienprediger.

Besprengen, sagte der Laienprediger voll Abscheu. Da möcht ich lieber gleich ungläubig sein. Er wandte sich ab. Er trug einen zartblauen Overall und wirkte sehr gepflegt. Der andere blickte wieder zu Suttree. Suttree beobachtete den Prediger im Fluß.

Sag ihm, er soll runter ins Wasser kommen, wenn er erleuchtet sein will, sagte der zweite Alte. Seine Backenmuskeln zuckten, und er legte die Hand vor den Mund.

Bloß ins Wasser steigen bringt aber nix, sagte der erste. Du mußt dich auch erleuchten lassen.

Suttree drehte sich un und sah ihn an. Darf man dabei die Schuhe ausziehen? sagte er.

Der zweite beugte sich vor und begutachtete ihn. Jesus hat niemals Schuhe gehabt, sagte er.

Der erste bat mit zitternder Hand um Ruhe. Er wandte sich Suttree zu. Brauchst dir die Schuhe nich unbedingt naß machen, sagte er. Ob einer barfuß oder mit Schuhen bereut, iss egal. Jesus kümmert'as nich.

Wie denken Sie über den Papst und den ganzen Haufen da drüben? sagte Suttree.

Ich geb mir alle Mühe, überhaupt nix drüber zu denken, sagte der Alte. Plötzlich warf er zum Gruß den Arm hoch; die Gebärde war so heftig, daß die Umstehenden zurückwichen.

Da drüben's meine Großnichte Rosy. Grad vierzehn geworden und schon richtig erleuchtet. Die Wege des Herrn sin' doch wunderbar, stimmt's? Wie alt biste denn, mein Sohn?

Alt genug, sagte Suttree.

Na, keine Bange. Ich hab auch erst mit Sechsundsiebzig das Licht des Herrn gesehn und den Weg gefunden.

Wie alt sind Sie jetzt?

Sechsundsiebzig. Hab vorher elend gesoffen.

Das kenn ich.

Der Alte warf Suttree wieder einen Blick zu. Suttree sah sich um; dann beugte er sich zum Ohr des Alten. Sie haben nicht zufällig irgendwo ein Tröpfchen gebunkert, oder?

Die Augen des Alten flatterten in ihren furchigen Höhlen. Lieber Himmel, nein, sagte er. Ich bin total trocken. Bei Gott, ich hab die Nase voll davon.

Auch recht, sagte Suttree.

Er zog sich etwas zurück, drehte sich um und beobachtete die Zeremonien. Die Großnichte lächelte den Zuschauern am Ufer zu. Einige winkten.

Der zweite Alte beugte sich vor und gab Suttree mit seinem dicken Finger einen Stups. Na los, sagte er. Runter mit dir ins Wasser.

Da geht sie hin, sagte Suttree und deutete nach vorne.

Das'ss meine Großnichte, sagte der Alte und winkte zum Fluß, in den sich das Mädchen hatte sinken lassen.

Zwei Frauen vorne im Gras drehten sich um und bedachten die Männer mit finsteren Blicken. Suttree lächelte ihnen zu. Weiter unten am Ufer wurden Sandwiches ausgepackt und Flaschen mit kalten Getränken geöffnet. Eine feiste Frau lagerte breit auf dem Boden; eine gewaltige Zitze hing ihr heraus, daran festgezogen ein Kleinkind.

Sag ihm, er soll heute abend zur Versammlung kommen, sagte der zweite Mann.

Wo denn?

Im Andachtszelt, gleich oben am Highway. Haste's nich gesehn?

Nein.

Dabei isses weiß Gott groß genug. Nu komm halt man. Der Reverend Billy Byington iss da, und die Sunrise Singers kommen wahrscheinlich auch.

Ach ja?

Na klar. Die, wode immer auf WNOX hörst.

Die Frauen drehten sich mit finsteren Mienen um.

Der Alte schraubte sein Glas auf und spukte hinein; dann beugte er sich vor. Komm du mal heute abend vorbei, sagte er. Soviel ich weiß, ha'mse vielleicht sogar May Maude im Programm. Die, wo noch die alten Lieber singt.

Ein Mann ging nun uns Wasser, wie ein Schlafwandler. Die Hände ausgestreckt und die Augen halb geschlossen, sang er unentwegt etwas Zusammenhangloses vor sich hin. Er wirkte so schwankend, daß der Prediger seinen Schritt auf ihn zutrat und dabei ein ernstes, wohlwollendes Lächeln aufsetzte. Die Freunde am Ufer schienen mitzuschwanken. Der neue Kandidat schluß mit angstvoll geweiteten Augen kurz um sich. Der Prediger stürzte ihm mit ausgestreckten Händen entgegen. Der Mann fing sich wieder und drängte vorwärts; die Rockschöße schon unter Wasser, langteer nach dem Prediger und kippte plötzlich laut stöhnend zur Seite. Die Zuschauer am Ufer erstarrten. Er ruderte mit den Armen wild durch die Luft, wie ein betrunkener Dirigent; dann war der demütige Täufling verschwunden.

Suttree schüttelte den Kopf. Der Alte bedachte ihn mit einem schrägen Grinsen, seine Kinn runzeln verschmiert mit schwarzem Speicher.

Der Prediger segnete mit der einen Hand den verebbenden Strudel, mit der anderen tastete er im Wasser herum.

Suttree kicherte. Die zwei Frauen standen auf und entfernten sich über das Gras. Ein Mann, der bei ihnen gesessen hatte, drehte sich um und grinste. Jungs, sagte er, wenn er nich grad absäuft, isser jetzt erleuchtet genug.

Der Prediger hievte den Täufling am Kragen hoch. Der Mann taumelte prustend umher und wirkte wie geistesgestört. Der Prediger nahm ihn beruhigend an der Stirn und begann mit deiner Taufpsalmodie.

Suttree stand auf und klopfte sich das Gras von der Hose.

Du willst doch nich schon wieder fort? sagte der Alte.

Aber sicher, sagte Suttree.

Geh du mal lieber in den Fluß da, sagte der mit dem Overall. Aber Suttree kannte den Fluß schon gut genug; er kehrte den Frömmlern den Rücken und marschierte weiter.

[nach oben]