8. Und Kain sprach mit seinem Bruder... Als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder, und streckte ihn nieder.
Es ist auffallend und eindrucksvoll, daß Kain Gott eine Antwort schuldig bleibt, statt dessen wendet er sich seinem Bruder zu, durch dessen Bevorzugung er sich gedemütigt sieht. Kain spricht mit Abel. Kain sucht selbst die Kontrontation mit seinem Bruder. Er wartet nicht auf eine Gelegenheit zur Sünde, sondern schafft diese selbst. Kain beschleunigt die Sünde. Der Mensch kann nicht nur der Sünde widerstehen, sondern er kann auch der Sünde in seinem Leben Raum schaffen und die Bahn bereiten.
Kain spricht mit seinem Bruder, und es scheint, daß das, was er zu Abel sagt, weggefallen ist. Deshalb bringen eine Reihe alter Textüberlieferungen den Satz: "Laß uns aufs Feld gehen!"
Dieser Zusatz ist für den alttestamentlich denkenden Ausleger nicht notwendig, denn es gibt im Alten Testament noch andere Beispiele, in denen das, was der Mensch sagte, nicht zitiert wird, sondern sich einfach aus dem folgenden ergibt. In jedem Fall steht fest, daß das Gespräch ohne positiven Ausgang blieb. Nicht jedes Sprechen führt zu einem guten Ziel. Es gibt auch ein Sprechen ohne Ereignis, ja ein Miteinanderreden, das den Konflikt verstärkt und auf die Spitze treibt.
Sie treffen sich auf dem Feld - entfernt von ihren Eltern - in einer Gegend, wo kein Mensch sie sehen und hören kann. Für Abel bestand keine Chance, zu schreien oder um Hilfe zu rufen, und für Kain keine Gefahr, beobachtet zu werden. In der Einsamkeit des Feldes verwandeln sich der Neid und der Zorn Kains zu teuflischem Haß und tierrischer Roheit.
Der Haß macht die Welt eng für zwei Menschen. Der Hassende wünscht sich, daß der andere nicht mehr in ein und derselben Welt lebt. Haß stellt immer vor die Entscheidung: Entweder-Oder. Haß läßt Gott vergessen. Haß macht den Menschen zum Tier und erzeugt den Mord.
Kain maßt sich das Recht des Schöpfers über Leben und Tod an und wird in seinem Haß zum ersten Mörder. Er, der der Sünde hätte widerstehen können, schlägt Gottes Angebot in den Wind und wird von der Sünde beherrscht.
Abel, der unschuldigt Ermordete, wird der erste Märtyrer der Welt. Abel wird der Repräsentant der Gemeinde, die von der Welt gehaßt und bis aufs Blut verfolgt wird. Aber - und nicht Kain, wie ursprünglich von Eva vermutet - wird zur Vorabschattung Jesu. Jesus, der Erlöser, geboren von einer Frau, wird von seinen Brüdern erschlagen, und damit bringen sie über sich "das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an" (Mt 23,35).
Kain scheint Abel sofort nach dem Mord verscharrt zu haben, denn nach dem Fortgang der Geschichte ist Abel nicht mehr sichtbar. Es sieht aus, als ob nichts geschehen wäre.