Ich besitze verschiedene Bibel-Übersetzungen, -Fassungen und Studienbibeln. Das sind im einzelnen:
Die Nennung der vielen Erscheinungsjahre der Luther-Bibel scheint nur auf den ersten Blick übertrieben.
In meiner 2004 gekauften Ausgabe (Copyright-Vermerk: 1999) heißt es:
Im Jahr 1999 wurde der Text anläßlich der Einführung der neuen Rechtschreibung noch einmal durchgesehen. Dabei sind im Alten Testament, dessen Revision ja bereits 1964 abgeschlossen war, einige Angleichungen an die 1984 vollendete Revision des Neuen Testamentes vorgenommen worden.
So wurde der Begiff "Weib" [...] weitgehend durch "Frau" ersetzt. Außerdem wurden einige altertümliche Verformen auf -et und -est dem gegenwärtigen Sprachgebrauch angepaßt.
Im Neuen Testament wurde die Übersetzung an wenigen Stellen so verbessert, daß sie dem griechischen Grundtext genauer entspricht.
Insofern entspricht die Übersetzung 1999 nicht der von 1984 und das Hervorheben des Unterschiedes zwischen dem Text von 1984 und 1999 ist gerechtfertigt.
Gleichfalls der zwischen 1889 und 1897, weil 1892 die erste kirchenamtliche Revision der Luther-Bibel abgeschlossen wurde.
Da der heutige Text der Luther-Bibel bei weitem nicht mehr der Fassung letzter Hand 1545 entspricht und viel von seiner ursprünglichen Schönheit und Kraft verloren hat (zu viel revidiert), trotzdem jedoch nicht zeitgemäß ist (zu wenig revidiert), lese ich die Bibel lieber in den Fassungen Luther 1534 und 1545, Elberfelder oder Menge bzw. Schlachter.
Luther 1534 und 1545 lese ich, um eine Zeitreise zu unternehmen; Schlachter 2000 lese ich, wenn ich eine schnell zu erschließende Bibel-Übersetzung lesen möchte; Elberfelder und Menge-Bibel lese ich, wenn ich eine deutschte Bibel, so nah wie möglich am Original, lesen möchte.
Zur Zeit lese ich am liebsten die Menge-Bibel.
Ein Beispiel, warum die Luther-Bibel 1999 zu wenig revidiert und damit nicht an den zeitgemäßen Sprachgebrauch angepaßt wurde.
In der Fassung 1984 heißt es (1. Mose 1,26-28):
Und Gott sprach: Lasset uns [...]
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.
Und Gott segente sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet [...].
In der Fassung 1999 heißt es:
Und Gott sprach: Lasset uns [...]
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
Und Gott segente sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet [...]
"Weib" wurde zu "Frau", jedoch kein auf -et endendes Verb endet auf -t.
Dagegen heißt es in Schlachter 2000:
Und Gott sprach: Laßt uns [...]
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.
Und Gott segente sie; und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht [...]
und in Elberfelder 2003:
Und Gott sprach: Laßt uns [...]
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.
Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie (euch) untertan; und herrscht [...].
Daß die Einheitsübersetzung ähnlich übersetzt, erwähne ich nur nebenbei, denn die Fassung 1980 mußte keine Rücksicht auf vorherige Übersetzungen und die Gewöhnung an sie nehmen.
Das trifft jedoch nicht für Schlachter 2000 und Elberfelder 2003 zu, auch wenn deren erste Übersetzungen - im Vergleich mit der Luther-Übersetzung - erst 1905 bzw. 1871 erschienen.
In der Elberfelder Bibel 1956 (in Fraktur gesetzt) heißt es:
Und Gott sprach: Lasset uns [...]
Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn; Mann und Weib schuf er sie.
Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie (euch) untertan; und herrschet [...].
Jedoch bin ich weit entfernt, den Autoren der aktuellen Luther-Bibel einen Vorwürf zu machen. Ich glaube, sie hätten die Luther-Bibel nicht zeitgemäßer formulieren können, ohne starken Widerstand durch evangelische Gläubige zu erfahren: niemand möchte zu Sprichworten gewachsene und lebende Verse verändert haben.
Insofern ist die Bibelübersetzung durch Luther Quell und Hemmnis zugleich. Wobei, so vermute ich, wenn ich seine Übersetzungen von 1534 und 1545 vergleiche, er heuzutage selbst seine Übersetzung ins zeitgemäße Deutsch wandeln würde, ohne dabei auf Kraft, Eindringlichkeit und Poesie zu verzichten.